Aus der Sicht des DJs

10.03.2020 11:25:13 | Uwe
Wie ich euch sehe!

Der größte Fehler, die viele von euch meiner Meinung nach machen, ist das mit der Torte um Mitternacht. Die wird reingefahren mit einem Tusch, alle stehen auf, zücken ihr Handy, das Hochzeitspaare legt gemeinsam die Hände auf das Messer, schneidet die Torte an, lächelt in die Kameras, füttert sich noch gegenseitig. Wenn die beiden fertig sind, holen sich die anderen 80 bis 100 Gäste auch noch ein Stück Kuchen, das ganze Gezeter dauert mindestens anderthalb Stunden - und dann, schwupps, sind die ersten 40 Gäste weg.

Es ist ein totaler Partybreaker, tötet die ganze Stimmung, ich kenne diese seltsame Tradition auch nur aus Deutschland. Warum stellt ihr die Torte nicht einfach ans Buffet, schneidet sie beim Nachtisch an und zack, wird bis drei oder vier Uhr durchgetanzt?

Was die Musik angeht, sehe ich mich als Dienstleister. Dennoch gibt es natürlich Songs, die ich nur ungern für euch spiele. Der Pur-Hitmix steht an oberster Stelle, dieses Medley geht ewig und ist einfach nur schrecklich. Warum nur wollt ihr das immer wieder von mir hören? Das frage ich mich auch bei dieser ganzen Ballermann- oder Après-Ski-Musik. Aber wenn Ihr als Brautpaar unbedingt "Hol' das Lasso raus" haben wollt, bitteschön, dann spiele ich das. Ich mache die Musik ja nicht für mich.

Das Witzige - und Erschreckende - ist:
Die Tanzfläche ist dann fast immer voll, gerade bei Klassikern wie Gloria Gaynors "I will survive"- das kann ich selber nicht mehr hören. Und finde es doch wieder gut, weil ihr alle dazu tanzt. Vielleicht verdrehen zehn von euch die Augen und gehen von der Tanzfläche runter, aber dafür kommen zwanzig nach. Genauso ist es mit "Atemlos" von Helene Fischer. Außerdem gilt: Je später der Abend, desto höher der Alkoholpegel. Am Ende tanzt und singt ihr ohnehin alle mit, fertig. 

Vielen unterschätzen den Job als Hochzeits-DJ
Was die Reihenfolge der Songs angeht, ist es immer ähnlich: Zuerst kommt der Eröffnungswalzer, danach noch zwei, drei Standardtänze oder Songs, die auch die Oma und Opa gut finden. Die Alten sind ja die ersten, die gehen, die will ich nach dem Eröffnungstanz schon ein bisschen auf der Tanzfläche halten. 

Viele von Euch unterschätzen den Job als Hochzeits-DJ. Da heißt es, du hast ein lockeres Leben hinter deinem DJ-Pult, du machst ja erst Musik, wenn der Brauttanz losgeht. Von wegen, ich stehe die ganze Zeit hier. Wenn beispielsweise der Brautvater oder ein Hochzeitsgast plötzlich ein paar Worte sagen wollen, muss ich präsent sein, die Musik herunterdrehen und die Stimme auspegeln. Auch wenn Ihr das nicht wahrnehmt, so etwas gehört ebenfalls zu meinen Aufgaben.

Der DJ-Job ist Handwerk, ist manchmal auch Kunst, auch wenn einige von euch denken, ich hätte nur meinen Laptop dabei und drücke auf Play.
Dabei muss ich abwägen, muss auswählen:
Wann passt welches Genre? Ich schaue mir an, was funktioniert, spiele vielleicht erst Salsa und schwenke zum Beispiel um auf Deutsch, hier ein bisschen Sportfreunde Stiller, da ein bisschen Peter Fox. Wenn Ihr dann reagiert, wenn es funktioniert, dann mache ich so ein Fass später am Abend nochmal auf und spiele weitere vier Lieder aus diesem Genre.
Das Wichtige ist am Ende, dass Ihr zufrieden wart. Dass jeder von euch mindestens einmal auf der Tanzfläche war.

Eine viestellige Summe für einen Abend? Du drückst doch nur paar mal die Knöpfe.
Manchen von euch mag das teuer erscheinen. Aber in der Regel ist man zwölf bis 14 Stunden unterwegs, Anlage einladen, aufbauen und so weiter, und natürlich die Vorbereitung für den Abend.
Als DJ auf einer Hochzeit bin ich der erste, der kommt, und der letzte, der geht.

In der Regel sind es die Frauen, die sich bei einer Hochzeit um alles kümmern. Es ist fast immer so, dass sie sich als erste bei mir melden, etwa zwölf bis vierzehn Monate vorher.

Fotograf und DJ sind mit die wichtigsten Personen auf jeder Hochzeit. Steht das Datum fest, fange ich an, die Leute zu duzen. Ich bin 53 die meisten von euch sind Ende 20, Anfang 30, und man sieht sich ohnehin den ganzen Abend, also würde ein "Sie" etwas merkwürdig zwischen uns stehen. Die Krawatte lasse ich übrigens weg. 

Was mich total nervt, ist, wenn ihr mit eurem iPhone ankommt und mir irgendein Lied unter die Nase haltet, das Ihr hören wollt.
Das ist mit so das Schlimmste, was es gibt.
Und dann diese Frage: 'Kannst Du das bei Youtube abspielen? Bei Spotify?' Nein, kann ich nicht. Ich logge mich grundsätzlich nicht im Restaurant oder Hotel ins W-Lan ein. Wenn plötzlich die Verbindung weg ist und die Musik ausgeht, habe ich ein Problem.
Oder wenn jemand währenddessen bei euch auf dem Telefon anruft und es plötzlich klingelt Eine WhatsApp oder SMS rein kommt, usw... - nee, sorry.
Bitte habt Verständnis, das mache ich nicht. Sagt mir einfach den Song oder Interpreten, den ihr hören wollt. Natürlich gibt es Abende wo man sich nicht mehr so gut atekulieren kann. Auch hier ran hat euer DJ gedacht. Kugelschreiber und Zettel habe ich immer dabei. Schreibt mir den Interpreten oder Song einfach einigermaßen leserlich auf.

Was am besten funktioniert? Freie Hand lassen
Genauso schlimm ist die Frage: 'Wann spielst du das und das Lied denn?' Das kann ich euch nicht sagen - wenn es eben passt.
Sicherlich wird es die ein oder andere DJ Pfeife geben, der versucht von "Robert Miles - Children" auf "Linkin Park - in the end" zu mixen. Soll es der andere versuchen - passt nämlich nicht.

Oder: 'Kannst du das und das nochmal spielen?' Nein, kann ich nicht. Warum muss ein Song wie z.B. "Dance Monkey" den ihr ohnehin dauernd im Radio hört, noch ein zweites Mal laufen? Es gibt doch so viel tolle Musik.